Spaß
Immer wieder wird der Spaß als ein Kriterium für guten Gesangsunterricht genannt. Hier stimme ich Fazit: Nicht Spaß ist der entscheidene Faktor sondern Vertrauen! Natürlich schadet Spaß nicht, im Gegenteil, er macht den Gesangsunterricht für beide Parteien angenehmer und ist sicherlich wünschenswert – aber eben nicht zwingend nötig.
Frustfreier Unterricht
Natürlich ist es nicht schön, wenn Gesangsunterricht frustrierend ist, kommt aber manchmal dann doch vor. Ich möchte ein Beispiel nennen: Eine Schülerin ist stark überbrustet, die Stimme kracht, quietscht, es sind Ansätze von Knötchen hörbar. Die Schülerin ist frustriert, weil sie nicht weiterkommt. Ich würde als Lehrer in diesem fiktiven Beispiel der Schülerin die Empfehlung geben, mit dem Rauchen aufzuhören und auch ihre Ernährung umzustellen, weil sie starken Reflux hat und ihr raten, in ihrer Rockband in der sie ohne In-Ear singt, aufzuhören. Letztendlich ist die Schülerin für ihr eigenes Verhalen verantwortlich und der Frust kommt von ihr selbst. Die Schülerin hat nun die Wahl und kann die von mir ausgesprochenen Empfehlungen einmal ausprobieren. In diesem Fall hätte der Frust sie weitergebracht. Fazit: Frustration ist Teil des Lebens für welches man als Erwachsener zu großen Teilen selbst verantwortlich ist. Es ist nicht Aufgabe des Lehrers sämtliche Frustrationsmomente zu verhindern sondern Aufgabe des Schülers Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Fortschritte
Das Problem liegt in der Definition von dem, was “Fortschritte” sind. Wenn jemand zum Beispiel durch den Unterricht lauter singt, ist das dann ein Fortschritt? Vielleicht. Vielleicht ist es aber nur ein Zeichen von zunehmender Überbrustung. Vielleicht wird jemand auch leiser, es erscheint wie ein Rückschritt, ist aber nur ein Zwischenschritt, um etwas neues zu entwickeln, weil das hochagressive Brustregister endlich zur Ruhe kommt und so langsam bereit ist, dem Falsett etwas Platz einzuräumen. Fazit: Das Kriterium “Fortschritte” ist zu unklar definiert und kann auf eine falsche Fährte führen, ist aber selbstverständlich richtig, sofern man fähig ist, die eintretenden Phänomene im Unterricht korrekt einzuordnen.
Individualität
Hier stimme ich zu 100% zu – würde nicht individuell unterrichtet werden, so würde man auch mit Youtubevideos singen lernen können. Fazit: Ja ohne wenn und aber!
Guter Unterricht aus meiner Sicht
Ausgangslage für meine Überlegung, was guter Unterricht ist, ist es, dass der Schüler oder die Schülerin den Anspruch hat singen zu lernen. Dieser Satz mag absurd klingen, aber es gibt ja auch durchaus Menschen, die in den Gesangsunterricht gehen, um quasi betreute Karaoke machen wollen. Ich hatte sogar einmal (für drei Unterrichtseinheiten, dann habe ich ihr gekündigt) eine Schülerin, welche in den Gesangsunterricht kam, damit ich ihr sage, wie schlecht sie ist. Sie arbeitete auch in einem Altenheim und hat alte Leute gehasst – das nur mal als Anektdote am Rande…Musikalität des Lehrers
Ich bin selbst über meinen ersten Punkt erstaunt, der mir einfällt – und oft ist es doch der erste Gedanke der richtig ist. Nach sorgfältiger Überprüfung bin ich aber sicher: Musikalität des Lehrers ist einer der ersten und wichtigen Punkte als Basis für guten Gesangsunterricht. Wie oft sagten Carol Baggott-Forte oder John Stewart zu mir und anderen im Unterricht “Be musical!” oder “A single note is a song, a triad is a whole symphony!”. Musikalität beeinfluss so vieles im Gesang: Die Phrasierung, den Atem, die Dynamik, Rhythmik, die Körperverbundenheit. Die funktionalen Parameter zur Stimmentwicklung sind Tonhöhe, Lautstärke, Vokal. Und auch diese drei Parameter stehen in direktem Zusammenhang zur Musikalität. Dieses führt direkt zum nächsten Punkt:Funktionales Hörvermögen des Lehrers
Das Hören von stimmlichen Nuancen, kleine Schwankungen in Vokalqualität, Klangfarbe, Tonhöhe, Lautstärke, ein minimales Zögern des Schülers (Festhalten und Kontrolle!) sind von hoher Wichtigkeit. Genau so wichtig ist es, diese Hörphänomene korrekt einzuordnen und zu wissen, welche Auswirkung die Varianzen auf die Stimme haben. Es ist viel zu ungenau, grob zu hören, ob eine Stimme gerade in der Einstellung Fatal, Ätz, Overkreisch oder Röhring ist.Korrekter Einsatz von Übungen
Der hochgeschätzte Kollege Marc Seitz sagte öfters sinngemäßg, dass eine Übung an sich wertlos sei. Und damit hat er total Recht! Es kommt auf den Kontext an, in welchem die Übung nützlich ist. Der Kontext aus Hörphänomenen und auch der Kontext im Zusammenhang mit anderen Übungen. Fazit: Nach sorgfältigem Abwägen sind diese drei Punkte die einzigen, die mir einfallen, welche einen guten Gesangsunterricht ausmachen. Selbst wenn der Gesangslehrer eine absolut unmenschliche Person ist, so heißt das nicht, dass der Lehrer die Stimme nicht weiterbringen kann – sofern der Sänger nicht im Moment des Unterrichts sich vom Lehrer total stressen lässt. Selbst ein tiefes Verständnis von Stilistik ist in vielen Fällen nicht zwingend nötig, da die Musikalität hier universell hilfreich ist und in der Praxis bei den meisten Schülern das Level nicht so hoch ist, dass hier ein absoluter Spezialist benötigt wird. Selbst mit Profis ist es für mich irrelevant, ob die Appogiatura vor, oder auf den Schlag kommt. In diesem Fall wissen meine Opernsängerinnen das ohnehin selbst und ich kann mich auf die Stimmentwicklung konzentrieren und lerne selbst noch etwas Neues.